Das ganze Petrila soll lachen


Ion Barbu ist einer der bekanntesten Karikaturisten der heutigen rumänischen Presse.
Geboren und aufgewachsen im Schiltal verfügt er über die gute Dosis Wahn, die nötig ist,
um auch dort geblieben zu sein. Er hat Spaß am Kulturaktivismus und genießt
seine Rolle als Provokateur.

Veröffentlicht am 1. September 2014  |  

„Eigentlich habe ich Petrila nie verlassen“, sagt Ion Barbu, nachdem er leicht in Gedanken verloren eine Zigarette anzündet. „In Bukarest habe ich eine lange Zeit gelebt, aber nur ein paar Tage die Woche, und dabei habe ich immer daran gedacht, wie ich am schnellsten heimkehre. Ich kenne niemanden anderen, der über 20 Jahre lang ständig, manchmal sogar jede Woche zwischen Petrila und Bukarest gependelt wäre.“ Am Ende einer kleinen schlaglochgeplagten Straße steht ein Blechzaun voller Graffiti und Farbzeichnungen um Barbus Hof. Vor dem Tor warnt ein Verkehrsschild die Besucher, dass sie im Begriff sind, das „Sehr Kleine Paris“ zu betreten – eine Anspielung auf den Anspruch der rumänischen Hauptstadt, das „Kleine Paris“ zu sein. Die Wände des Hauses sind von außen wie von innen mit einem dichten Mosaik aus Karikaturen, Versen von rumänischen Poeten, Fotografien und mehr oder minder berühmten Zitaten bedeckt. Von der Decke eines der Zimmer hängt eine Installation, die die obere Hälfte eines Fahrrads mit einem Besen kombiniert.

Vor der Wende hat Ion Barbu bei der Mine gearbeitet. Als Topograf bestand seine Aufgabe darin, abzumessen und durchzurechnen, wo genau und wie man weiter nach Kohle graben sollte. Er kannte jeden Winkel der Stollen besser als die Bergleute. Gleich nach der 1989er Revolution, als die Presse in Rumänien frei wurde, gelang ihm endlich das zu machen, was er von Anfang an hätte machen wollen: eine Kariere als Illustrator und Karikaturist. Er arbeitete für viele Bukarester Zeitungen und Magazine und veröffentlichte in 20 Jahren über 15.000 Karikaturen. Jeder, der rumänische Politik- und Kulturblätter liest, erkennt seinen einfachen und bitterironischen Stil.

Mit 61 ist Barbu heute noch freier Mitarbeiter bei den Intellektuellen-Zeitschriften „Dilema veche“ und „Suplimentul de cultură”, sowie bei dem Satiremagazin „Cațavencii“. Seit der Wirtschaftskrise 2009 sind allerdings die Gehälter und Honorare bei den rumänischen Printmedien auf ein lächerliches Niveau gesunken. „Ich habe Geld, weil ich schlecht bezahlt werde“, sagt der Künstler. „Und wenn man schlecht bezahlt wird, wird man zum Workoholiker. Während im Westen ein Karikaturist eine Zeichnung jeden Tag macht, muss man hierzulande fünf machen.“

„Ich habe Geld, weil ich schlecht bezahlt werde.“

Dennoch hat Barbu nie ernsthaft darüber nachgedacht abzuhauen – weder aus Rumänien, noch aus Petrila. „Wie Antäus bekomme ich neue Kräfte, wenn meine Füße den Heimatboden betreten“, erklärt er halbironisch. Der Riese aus der griechischen Mythologie verfügte über eine fürchterliche Stärke. Er forderte jeden, dem er begegnete, zum Ringen heraus, und gewann nahezu alle Kämpfe. Seine Kraft zog er aus der Erde, deren Göttin Gaia seine Mutter war.

„In meinem Kopf habe ich die Projektion eines idyllischen Petrila, die Vorstellung des Städtchens meiner Kindheit“, sagt der Karikaturist in einem der wenigen Momente, wo er den Witz beiseitelässt. „Petrila ist nicht hier, es ist damals“, übersteigert er, frei nach dem Bonmot von Ionel Teodoreanu, einem Klassiker der rumänischen Kinderliteratur. Er macht eine Pause, zieht langsam an seiner Zigarette und fügt hinzu: „Ich bin ein Ostalgiker“. Er lacht herzlich. Wer Barbu kennt, weiß genau, dass er in der Politik immer rechts der Mitte stand. Ähnlich wie die Mehrheit der rumänischen Intellektuellen und Künstler seiner Generation bleibt er bis heute davon überzeugt, dass das staatssozialistische Regime und, darüber hinaus, die marxistischen Ideen überhaupt die direkte Verantwortung für fast alle Übel und Probleme der rumänische Gesellschaft tragen. Seine Vorliebe für die „große Kultur“, die „großen Namen“ und „die Elite“ hindert ihn dennoch nicht daran, sein Haus allen offen zu halten, unabhängig von sozialer Klasse und politischer Orientierung.

„Petrila ist nicht hier, es ist damals.“

In Barbus Wohnzimmer, das gleichzeitig als Atelier fungiert, stehen nah aneinander gepackt Bildbände, Literaturbücher von französischen und südamerikanischen Autoren, ein Porträt von John Lennon, ein anderes von Jimmy Hendrix – fast alles, das im grauen Rumänien der siebziger und achtziger Jahre nicht als linke Protestbewegung wahrgenommen wurde, sondern die Ausstrahlung einer Gegenkultur hatte, die aus einem idealisierten, farbenfrohen und glänzenden kapitalistischen Westen insgeheim importiert wurde. An dem Holztisch des Ateliers saßen über die letzten vierzig Jahren Bukarester Dichter und Schriftsteller, echte Dissidenten und Antikommunisten der letzten Stunde, Gymnasiallehrer und Journalisten von Regionalzeitungen, sowie rumänische Folksänger aller Kaliber. Und damit die Ironie eine neue dialektische Stufe erreicht, brät in einer Ecke eine goldene Barbie-Meerjungfrau in ihrer Pfanne.

„Das ist der ideale Ort, das Land, in dem nie etwas passiert“, sagt der Künstler, wieder mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. „Aber das Land, in dem nie etwas passiert, ist gleichzeitig das Land, in dem alles passieren kann – vorausgesetzt, man provoziert ein bisschen. Ich könnte sagen, dass ich ein Provokateur bin.“ In Petrila kann man leichter arbeiten als anderswo, glaubt Barbu. „Man muss keine Genehmigungen ersuchen, denn, auch wenn man sie ersucht, versteht keiner überhaupt etwas. Sagt man, dass man ein Happening veranstalten möchte, hat die Kommunalverwaltung keine Ahnung, was das heißt.“ Konsequent organisiert der Karikaturist mehrmals im Jahr etwas, das das verschlafene Städtchen lebendiger macht. „Den kitschigen offiziellen Veranstaltungen setzen wir alternative Kulturevents entgegen.“


Letzten Frühling zum Beispiel haben Barbu und seine Freundesgruppe eine Nacht der Museen in Petrila organisiert. Das Rathaus hat nie ein Museum betrieben. Die zwei solchen Anlagen, die es gibt, das Geburtshaus des Schriftstellers Ion D. Sârbu und das Muttermuseum, sind ebenfalls von Barbu ins Leben gerufen worden. Zusätzlich setzte die Initiativgruppe auch „virtuelle Museen“ aufs Programm: „Wir haben einige Häuser identifiziert, die als Museen eingerichtet werden könnten, und wir haben an die Fassaden Filmchen projiziert, die unsere Ideen präsentieren“, erzählt der Karikaturist. Jedes Jahr hat er neue Projekte. Die Gruppe gründete eine Stiftung, die durch kleine, oft ironische und kritische Kulturevents dem langsamen Tod einer Gemeinde entgegenwirkt, wo der einzige größere Arbeitgeber, die Mine, seit Jahren schrumpft und 2015 seine Tore endgültig schließen wird.

„Nach Petrila kommt man nicht, aus Petrila rennt man weg, wie aus allen monoindustriellen Kleinstädten“, stellt Barbu fest. „Wenn man ein bisschen etwas im Kopf hat, geht man nach Petroșani oder nach Deva, wenn man etwas mehr im Kopf hat, geht man nach Bukarest, und, wenn man auch etwas in der Tasche hat, geht man nach Paris oder sonst wohin. Es gibt eine ständige intellektuelle Entvölkerung der Region, das ist die Tragödie.“ Bis vor 25 Jahren war es nicht so: Man kam gerne nach Petrila, vor allem weil die hiesige Mine als die „Akademie des rumänischen Bergbaus“ betrachtet wurde. „Wer hier arbeitete, konnte problemlos überall arbeiten“, erzählt der frühere Topograf. Aus den über 4.000 Bergleuten, die hier in den achtziger Jahren fast einen Kilometer untertage Steinkohle abbauten, arbeiten jetzt nur noch ein paar hundert. Wer entlassen wurde, blieb schnell mittellos und führt oft bis heute, wie Dorel Ciuci, ein Magnetenleben.

„Nach Petrila kommt man nicht, aus Petrila rennt man weg, wie aus allen monoindustriellen Kleinstädten.“

Petrila ist in jedem möglichen Sinne des Wortes triste Peripherie. 2006, ein Jahr bevor Sibiu (Hermannstadt) zur Kulturhauptstadt Europas erklärt wurde, beschloss Barbu deshalb, Petrila zur „Kulturperipherie Europas“ zu erklären. Die Idee war, dass man ja erst durch eine Peripherie reisen muss, um eine Hauptstadt zu erreichen. Und eines der vier vorgeschlagenen Projekte sah vor, „das Gesicht des Städtchens zu verändern, indem man es mit Poesie bedeckt“. Gesagt und getan: Barbu und seine Gefolgsleute fingen eines Nachts an, an die Wände der Häuser Graffiti mit Versen von rumänischen Dichtern zu schreiben. Bevorzugt wurden postmoderne Poeten der achtziger Jahre. Entgegen allen vernünftigen Erwartungen löste die Aktion im ganzen Schiltal eine beispiellose Protestwelle aus. „Die Kommunalverwaltung wollte zwischen manchen Zeilen eine politische Kritik gelesen haben, was ja eigentlich nicht ganz daneben lag“, erinnert sich der Karikaturist. Der Bürgermeister und andere Standespersonen, aber auch die Regionalzeitungen waren außer sich, vor allem weil Barbu an das Denkmal, das am Ortseingang steht, „Ersatzstadt“ geschrieben hatte.

Was darauf folgte, liegt jenseits aller Vorstellungskraft. „Sollte irgendwann darüber ein Film gedreht werden, würde er sicherlich mindestens eine Goldene Palme in Cannes gewinnen. Wir trauten uns nicht mehr aus dem Haus. Diese Erfahrung war für mich wie ein Röntgenbild Petrilas.“ Wie schlecht die Aktion im Schiltal auch empfangen wurde, so gut waren die Reaktionen in Bukarest. 2007 bekam das Projekt „Petrila – Kulturperipherie Europas“ auf der Gala der Zivilgesellschaft den ersten Preis, und der gleichnamige Bildband, der auch die drei andere Initiativen des Projekts präsentierte, wurde in zahlreichen Kulturmagazinen der Hauptstadt enthusiastisch rezensiert.

„Petrila – Kulturperipherie Europas“


Um die Aktionen zu finanzieren, beantragte Barbus Stiftung einen Geldzuschuss bei der staatlichen Verwaltung des Rumänischen Kulturfonds. Die Auseinandersetzung mit den bürokratischen Prozeduren dieser Behörde wirkte allerdings entmutigend auf den Karikaturisten. „Denen gegenüber ist Kafka ein kleines Kind“, erinnert er sich. „Für eine Rechnung über 20 Euro musste ich viermal nach Bukarest reisen, sie haben von mir Papiere und Ausschreibungen gefordert für jeden Scheiß, der 50 Cent kostete, und das Geld habe ich sowieso erst ein halbes Jahr nach dem Abschluss des Projekts bekommen. Seitdem habe ich geschworen, dass ich nie wieder Gelder bei rumänischen oder europäischen Bürokraten beantrage.“ War also das ganze Projekt, zumindest auf lokaler Ebene, eine verlorene Wette? „Alle Wetten sind hier eh verloren“, sagt Barbu. „Ich bin ein Versager in Petrila. Aber nicht der einzige: Ich habe auch Akolythen, und vor allem Alkoholythen.“ Obwohl er meint, noch keine Antwort gefunden zu haben, hat der Künstler vor, weiterhin Fragen zu stellen und zu provozieren. „Für die Schönheit dieses Aktes lohnt es sich, alle Arschtritte der Welt zu kassieren.“

Mit seinen Aktionen machte er sich im Schiltal nicht viele Freunde. Dennoch gebe es keinen großen Unterschied zwischen Petrila und dem restlichen Rumänien, glaubt der Karikaturist. „Dummheit ist gleichmäßig verbreitet in diesem Land. Also warum soll ich weggehen, wenn ich mittendrin ruhe, wie an Abrahams Busen?“, fragt er. Die Reaktionen auf die von ihm organisierten Events haben seine Überzeugung verstärkt, dass „das rumänische Volk neu geschaffen werden muss, weil es im Moment schlecht beschaffen ist.“ Der kleine Park gegenüber sei voller Abfälle von Sonnenblumenkernen. Wenn er ins Ausland reise und höre, dass jemand Rumänisch spreche, dann denke er nur an eines: sich irgendwo verstecken und so schnell wie möglich verschwinden. „Die Rumänen sind laut und schrill, erst recht dann, wenn Schweigen angebracht ist. Das ist unzivilisiert.“


In den neunziger Jahren, als rumänische Staatsbürger endliche ausreisen durften, machte auch Barbu seinen ersten Ausflug: nach Istanbul. Er wollte die Hagia Sophia besichtigen, es sei „eine kulturelle Reise“ gewesen, erzählt er, sein Ton und seine Wortwahl erinnern dabei leicht an den Oberlehrerpomp konservativer Intellektueller wie Gabriel Liiceanu oder Horia-Roman Patapievici. „Jeder in diesem Bus war auf kleine Geschäfte aus, jeder wollte auf dem Bazar irgendetwas kaufen, Kaugummi, Sägen, BHs, egal, Hauptsache, es ließ sich in Rumänien teurer verkaufen. Aus 45 Menschen waren mein Bruder und ich die Einzigen mit kulturellen Interessen. Es war furchtbar, bis wir angekommen sind“, erzählt Barbu. Ihn störte „der Zigarettenrauch, der so dicht war, dass man ihn mit dem Messer schneiden konnte, der Alkohol, der wellenweise floss, der unverwechselbare Geruch ungewaschener Füße.“ Bei der Zollkontrolle hatten alle anderen Passagiere etwas zu verstecken in ihrem Gepäck und sie konnten nicht verstehen, warum die Gebrüder Barbu sich weigerten, Schmiergelder zu zahlen. „Es waren mitunter die schlimmsten Erlebnisse meines Lebens an der Seite meiner Landsleute“, gesteht er, und fügt hinzu: „Das hat sich bis heute noch nicht allzu sehr geändert. Dieses Volk muss zuerst ausgezogen und gründlich gewaschen werden, die Nägel und die Haare müssen geschnitten werden, man muss ihnen Bücher geben, damit sie zumindest Grundkenntnisse bekommen, und erst dann kann man sie in der Welt frei laufen lassen.“

Sieht Barbu unter diesen Bedingungen eine Zukunft für Petrila? „Nein, leider sehe ich nur eine Vergangenheit“, sagt er, und bricht in Lachen aus. Er zieht aus seiner Zigarette und führt fort: „Wenn ich radikal wäre, würde ich sagen, dass das ganze Petrila komplett abgerissen, das Feld gepflügt und neu bestellt werden muss. Aber das geht natürlich nicht. Und dann ist der einzige Ausweg der Humor. Geben Sie dem Lachen eine Chance.“

„Nein, leider sehe ich nur eine Vergangenheit.“



Veröffentlicht am 1. September 2014  |  

Das ist die vierte Geschichte aus einer Serie, die wir in zweiwöchentlichem Takt fortsetzen werden.
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